REVIEW: Oceans of Slumber

Erst spät bin ich auf die Band gestoßen. Im Jahr 2018 habe ich mir die Scheiben „Winter“ und „The Banished Heart“ zugelegt. Vermutlich lief die Band an mir vorbei, da ich früher mit Death-Gegrowle nicht viel anfangen konnte. Dezenter eingesetzt mag ich es jedoch mittlerweile und so stieß ich auf mehr und mehr Bands, die mir zusagten. Oceans of Slumber war eine Empfehlung eines Freundes, der meinen Musikgeschmack recht gut kennt.

Und er hatte ins Schwarze gestoßen. Als ich Cammie Gilbert zum ersten Mal singen hörte, war es um mich geschehen. Die letzten beiden Alben gehörten rasch zu meinen Favoriten. Doch nun gab es zahlreiche Wechsel in der Band. Von der eigentlichen Besetzung blieben noch Sängerin Cammie Gilbert und ihr Lebensgefährte Dobber Beverly übrig. Wie würde sich die Band entwickeln auf dem selbst betitelten Album „Oceans of Slumber“?

Gleich der erste Track „The Soundtrack of my last day“ zeigt, worauf wir uns im Verlaufe der 71 Minuten Spielzeit freuen können. Von der zerbrechlichen, mit viel Soul daher kommenden Stimme Gilberts, unterlegt mit unverzerrtem Gitarrenspiel steigert man sich zu donnernden Drums, harten Gitarren, stampfenden Bass und Growls von Dobber. Und immer wieder kommt man auf die Zerbrechlichkeit zurück, die Sanftheit von Gilbert, die ein unglaubliches Spektrum ermöglicht, welches man so in dieser Form bei keiner anderen Band findet.

„Pray For Fire“ gibt uns in Balladenform eine Spur mehr „Southern-Feeling“, Gilbert zeigt hier sehr eindrucksvolles Gefühl auch in den hohen Lagen, sowohl bei den cleanen Parts, als auch im Verlaufe wenn es etwas härter zugeht und die Double Bass losgetreten wird und den Song, der so gemütlich begann, unerwartet und immer mehr nach vorne treibt. Erst spät growlt Dobber ins Mikro und setzt damit den Mittelpunkt des Songs, der genauso unerwartet wieder eine eher Gothic-Rock Atmosphäre mit Sprechgesang von Gilbert einnimmt, plötzlich übermalt vom harten Schlagzeuggewitter. Das macht schon viel Freude, wie umfangreich das Spektrum hier ausgereizt wird. Ein Song, den man definitiv viele Male hören solltem, bevor man zu einer Einschätzung kommt

„A Return To The Earth Below“ war eine der Auskopplungen vor Release. Ein Song, der mich direkt wieder gepackt hat, ausgelöst durch die Brillianz von Gilbert. Was für eine Stimme, die uns da in den ersten Sekunden einfängt und nicht mehr loslässt. Sie spielt mit uns, lässt die Stimme brechen, kippen und zeigt uns eine Fragilität und Verzweiflung, die diesen Song zum absoluten Ohrwurm gestaltet. Ganz ehrlich;: ich habe bei den ersten Hör-Durchgängen regelmäßig eine Gänsehaut bekommen, ein großartiges Stück Musik!

„Imperfect Divinity“ dient als instrumentale Zwischenstation. Wir können uns etwas entspannen und sind gespannt, was uns in der Folge nach den ersten Highlight erwartet.

The Adorned Fathomless Creation“ brüllt uns direkt entgegen, dass es nun wieder härter zur Sache gehen wird. Deutlich treibender zunächst mit viel Groove geht der Song nach vorne, zerbricht sich in der Bridge und im Refrain mit stampfendem Doom-Parts und schnellt dann wieder nach vorne, voran getragen durch die Rhythmussektion und den bissigen Growls. Selten sind die konstruierten Konflikte zwischen der Grundhärte und den soften Gesangskills so klar zu vernehmen, wie hier. Später stampft uns die Band kurzzeitig wie frühere Candlemass entgegen, torpediert sich dann in schnellere Höhen, regelrecht stressig für die Gehörgänge. Bis das Gitarrensoli die Band regelrecht wieder einfängt und einschwört auf eine gemeinsames Doom-Vollendung. Aber denkste. Der Song entwickelt sich weiter, dreht nochmal kräftig an der Härteschraube und doomt sich brachial durch die Ohrmuscheln. Die zermarternde Abwechslung macht schon viel Laune. Aber Achtung, man muss sich schon darauf einstellen, dass es hier klar definierte Kanten gibt, die das Hörvergnügen sperrig werden lassen können.

„To The Sea (A Tolling Of The Bells)“ ist mir der zweitliebste Song auf diesem Album, auch wenn er nur wenig Härte in sich trägt. Ein gefühlsstarkes Stück Prog-Doom-Rock, bei dem Gilbert erneut groß auftrumpfen kann, vor allem in den höheren Lagen.

Ebenso sehr feinfühlig und geradezu romantisch angehaucht kommt „The Colors of Grace“ daher, diesmal auch teils mit männlichem Clean-Gesang. Hier ist dermaßen viel aalglatter Southern-Rock verwoben mit später einsetzenden Härte, dass der Song glatt auch als Radio-Auskopplung laufen könnte. Seht das jetzt nicht als Kritikpunkt an, das Stück macht mir Freude, speziell da sich hier eine schöne Atmosphäre durch die untermalenden Keyboards entfaltet.

„I Mourn These Yellowed Leaves“ Schleppender Rhytmus, schwermütig beginnend mit eine verletzlich klingenden Gilbert, das alleine schafft schon eine bedrückende Stimmung, der man gerne auch für Stunden weiterlauschen würde. Diesmal jedoch geht die Band einen anderen Weg, lässt den Song im Verlauf noch zerbrechlicher wirken zunächst. Doch ihr ahnt es bereits, auch hier kommt es zum harten Bruch im Verlauf, Dobber growlt sich die Seele aus dem Leib, zunächst ohne treibenden Rhythmus, immer noch schwerfällig dahergleitend, als würde ein gewaltiges Monster mit uns spielen. Dann bricht die Hölle los und Frauengesang untermischt sich mit der Härte von Dobber. Plötzliche Stille, wieder ein Bruch im Songkonstrukt, der sich ins Finale steigert, bei dem Gilbert wieder die Front übernimmt. Zum Schluss umspielen uns Keyboard und Gitarrenarbeit nochmal mit Feingefühl und einer wieder verletzlichen Gilbert.

„September“ Erneut ein Instrumental. Traurig schön, wie ein verregneter Herbstnachmittag, am Keyboard/Piano zeigen Mat V. Aleman und Dobber, dass sie mit extremem Gefühl Atmosphären schaffen können, die an die Seele gehen. Ein Stück, bei dem Sängerin Gilbert live vermutlich eine längere Stimmbandpause bekommen wird oder was als Rausschmeisser nach Ende des Sets fungieren könnte.

„Total Failure Apparatus“ So jetzt aber in die Vollen! Schluss mit Romantik, direkt in die Fresse gibt es zu Beginn. Gilbert kreiert aber auch hier trotz alle auftretenden Härte wieder einen sensiblen Gegenpart, der jedoch nicht gegen den Sturm von Gitarre, Bass und speziell Schlagzeugarbeit ankämpft, sondern eher wie auf einer kleinen Droschke im Sturm mitsegelt, wohl wissend, das das kleine Boot nicht lange Stand halten wird. Puh, das war metaphorisch. Aber irgendwie passt es m.E. dann doch perfekt zum Song.

„The Red Flower“ Ein letztes Mal schleppt sich das Oceans of Slumber Ensemble in unsere Gehörgänge mit viel Doom und Gothic-Rock Touch. Fast lauert man beim ersten Hören darauf, dass auch hier ein Sturm losbricht. Doch der kommt diesmal nicht, Gilbert darf sich komplett austoben ohne sich gegen die Wucht der restlichen Band „wehren“ zu müssen. Und so lässt sie ein letztes Mal die Soul getränkte Stimme auf uns los, packt uns, schreit uns ihre Verzweiflung und Zerbrechlichkeit direkt in das vom September-Regen immer noch nasse Gesicht. Erst spät setzt Härte ein, immer noch sehr langsam, ja richtiggehend schwerfällig daher kommend. Mit jedem Schrei bricht ihre Verzweiflung unseren Widerstand bis zum plötzlichen Ende.

„Wolf Moon“ Ein Type O Negative Cover? Mit Gilberts Stimmgewalt? Da wird sie sich aber zurücknehmen müssen… und das tut sie dann auch perfekt. Macht Freude, die Band ausnahmsweise mal völlig zurückgenommen zu hören, dem eher sanftmütigem und auf einer Welle dahinplätschernden, sehr basslastigen Rhythmus folgend. Kein Cover, welches ich für Jahre im Kopf haben weder, aber allemal für einen Gig sicher spaßig.

FAZIT

Wer jetzt nicht mehr Fan der Band wird, der wird es nie wieder. Eine großartige Scheibe „Prog-Doom-Death-Southern-Soul“. Ja, erst durch Gilberts formidable Stimme sind Ocean of Slumber eine Band für die vorderen Plätze eines Open-Air-Events geworden. Mit dem selbst betitelten Album zeigen sie aber in der neuen Besetzung auch musikalisch, dass man mit ihnen nun auch in den Metal-Charts langfristig rechnen sollte. Klar, man muss sich schon damit anfreunden können, dass die Songs zum Teil erst vom Hörer aufgebrochen werden müssen hinsichtlich ihrer anfänglichen Sperrigkeit. Dann aber ergießt sich ein Füllhorn von musikalischer Klasse und unfassbarer Stimmgewalt über euch.

Von mir gibt es satte 8.5 von 10 Punkten.